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Es gibt Menschen, die den Drang dazu verspüren zu töten – ohne Motiv, ohne Auftrag. Doch was geht wirklich in den Köpfen dieser Thrill-Killer vor? Stephan Harbort ist Experte für Serienmorde und befasste sich als Erster grundlegend mit dem Phänomen der Mordlust. Er schildert die Taten, die Ermittlungen und gibt Einblick in die psycho­logischen Hinter­gründe dieser Fälle.

Stephan Harbort, Jahrgang 1964, ist Kriminalhauptkommissar und führender Serienmordexperte. Er sprach mit mehr als 50 Serienmördern, entwickelte international angewandte Fahndungsmethoden zur Überführung von Gewalttätern und ist Fachberater bei TV-Dokumentationen und Krimi-Serien. Stephan Harbort lebt in Düsseldorf.

Der folgende Auszug stammt aus dem Buch "Aus reiner Mordlust: Der Serienmordexperte über Thrill-Killer".

Cover "Aus reiner Mordlust" von Stephan Harbort

Das Schweigen der Lämmer

6.40 Uhr

Morgengrauen. Leichter Nieselregen. Es ist kalt. Markus Breitinger sitzt am Steuer seines Wagens, er ist auf dem Weg zur Arbeit. Der 32-jährige Fliesenleger nimmt wie immer die Bundesstraße, biegt an der Tennishalle ab, fährt noch etwa 800 Meter geradeaus und muss an einer beampelten Kreuzung anhalten. Rotlicht.

Er lässt seinen Blick schweifen. Er sieht drei Kinder auf dem Bürgersteig, eins davon hält ein Fahrrad, daneben steht eine Frau. Alle überqueren die Fahrbahn. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet sich unterhalb der Böschung eine Wiese. Markus Breitinger traut seinen Augen nicht: Mann und Frau in eindeutiger Pose, sie unten, er oben. Zuckende Bewegungen. Plötzlich springt das Pärchen auf. Die Frau zieht sich im Laufen die Jeans hoch. Der Mann eilt ihr hinterher. Markus Breitinger denkt spontan an eine bestimmte Szene aus einem Sexfilmchen der 1970erJahre und muss lachen. Dumm gelaufen!

Die Ampel schaltet auf Grün. Markus Breitinger fährt los und biegt in die nächste Querstraße nach links ab. Im Rückspiegel sieht er noch, wie das Pärchen auf einen Bach zuläuft. Arm in Arm. Dann verliert er die beiden aus den Augen.

6.55 Uhr

Joachim Polanski fährt seinen Range Rover auf die Tankstelle, er will sich dort eine Zeitung kaufen. Der Mann ist 52 Jahre alt und Frührentner. Der Tankstellenpächter erzählt ihm beim Bezahlen, er habe eben eine verdächtige Beobachtung gemacht, etwa 100 Meter von der Tankstelle entfernt. Da habe sich irgendetwas im Gras bewegt, vielleicht ein Betrunkener, ein verletzter Hund oder jemand, der Hilfe benötigt. Man müsse doch mal nachschauen.

Zwei Minuten später erreicht Joachim Polanski die genannte Örtlichkeit, stellt seinen Wagen ab und überquert die Straße. Was er dann auf einer Wiese beobachtet, lässt ihn wütend werden. Mann und Frau liegen nackt in der Missionarsstellung. Öffentlich. Er macht sich lautstark bemerkbar: „Das kann doch nicht wahr sein! Das gibt’s doch wohl nicht!“ Die Gescholtenen lassen sich aber nicht stören. Im Gegenteil. Der Mann vergräbt sich nun förmlich in der Frau und steigert das Tempo seiner rhythmischen Bewegungen.

Neben dem Pärchen liegen diverse Kleidungsstücke, wie hingeworfen. Der Mann ist offenbar schlank und wirkt eher jung, die Frau kann Joachim Polanski nicht erkennen. Er wundert sich über die Jugend von heute. Und dass Geschlechtsverkehr auch bei Regen und Kälte auf einer Wiese vollzogen wird. „Könnt ihr das nicht zu Hause machen!“, schreit er. Wieder keine Reaktion der Liebenden. Joachim Polanski gibt die Sache auf, macht kehrt und fährt zurück zur Tankstelle.

„Das ist doch wohl die Höhe!“ Der Tankstellenpächter will nicht glauben, was Joachim Polanski ihm berichtet. Man geht vor die Tür, macht noch ein paar Schritte, späht zum Ort des Geschehens hinüber. Augenblicke später sehen die Männer, wie sich das Pärchen davonmacht, eng umschlungen.

7.05 Uhr

Hedwig Vogel ist eben aufgestanden und zieht die Rollladen im Wohnzimmer hoch. Dabei beobachtet sie, wie etwa 30 Meter entfernt ein Pärchen über die Brücke am Bach gelaufen kommt und kurz darauf an ihrem Haus vorbeigeht, Richtung Ortsmitte. Der Mann umarmt die Frau. Eigentlich nichts Besonderes.

Der 68-Jährigen kommt die Sache erst etwas merkwürdig vor, als das Pärchen kurz darauf wieder zurückkommt, auf demselben Gehweg. Sie können also nicht weit gelaufen sein. Jetzt schaut sich Hedwig Vogel die jungen Leute etwas genauer an. Er ist Mitte 20, etwa 1,85 Meter groß, schmal, zottelige Haare, schulterlang, dunkle Lederjacke, und die Jeanshose ist am vorderen linken Hosenbein aufgerissen. Sie ist deutlich kleiner als der Mann. Mehr kann Hedwig Vogel nicht erkennen, weil die Frau von ihrem Freund fast vollständig verdeckt wird. Was will dieses nette Mädchen nur von diesem abgerissenen Typen, überlegt Hedwig Vogel. Als das Pärchen nicht mehr zu sehen ist, verwirft sie den Gedanken.

Acht Tage später, 14.35 Uhr

Melanie und Thomas Kretschmann gehen am Flussufer spazieren. Sie diskutieren, ob der jüngste Sohn die Realschule besuchen sollte oder nicht doch besser das Gymnasium. „Guck mal, da schwimmt doch was. Da vorne.“ Auch Thomas Kretschmann erkennt nun diesen Gegenstand, der vielleicht 20 Meter von ihnen entfernt bei starker Strömung im Wasser treibt, umgeben von Gehölz und Unrat, und durchaus einem menschlichen Körper ähnelt. „Wird wohl über das Stauwehr angeschwemmt worden sein“, überlegt Melanie Kretschmann laut. Ein Mensch kann es aber ihrer Meinung nach nicht sein, weil, und das ist deutlich zu sehen, Gesicht und Haare fehlen. Das kann nur eine Schaufensterpuppe sein, die jemand ins Wasser geworfen hat, vermuten sie. Das Ehepaar geht weiter.

Weitere elf Tage darauf, 19.55 Uhr

Johannes Giebeler macht eine grausige Entdeckung, als er am Ufer des Bachlaufes steht und angelt: Eine Leiche wird angetrieben, grässlich verstümmelt, skalpiert, das Gesicht fratzenhaft entstellt. Der 45-Jährige alarmiert seine Bekannten bei der Freiwilligen Feuerwehr, die den Leichnam kurz darauf bergen. Anschließend wird die Kripo verständigt.

Erste Ermittlungen ergeben, dass es sich bei der Toten um Johanna Brauer handeln könnte. Die 21-Jährige wird seit drei Wochen vermisst. Die äußere Besichtigung des Leichnams ergibt keine Hinweise darauf, wie die Frau ums Leben gekommen sein könnte. Dafür steht wenig später die Identität der Toten zweifelsfrei fest: Es ist Johanna Brauer. Noch am selben Abend ordnet die Staatsanwaltschaft eine Obduktion an.

Der Rechtsmediziner findet überwiegend an der linken Körperhälfte des Leichnams, insbesondere am Oberkörper, im Lendenbereich, am Oberschenkel, dem Knie und der Wade, großflächige Einblutungen in das Unterhautgewebe, die auf weniger intensive stumpfe Gewalt hindeuten. Werkzeuge oder einfache körperliche Gewalt schließt der Obduzent als Ursachen aus. Kleidung und Haupthaar dürften im Bereich eines Stauwehrs abgestoßen worden sein, als die Leiche dort längere Zeit herumgewirbelt wurde. Hinweise auf sexuelle Misshandlungen werden am Leichnam nicht entdeckt.

Kopfzerbrechen bereitet dem Sachverständigen ein Fund in der Bauchhöhle: Dort steckt ein 22 Zentimeter langer Ast, der im Darmbereich zwischen Scheide und After eingedrungen sein muss. Wahrscheinlich ist das Rundholz postmortal dorthin gelangt. Eine Beibringung der Pfählungsverletzung zu Lebzeiten kann jedoch nicht ausgeschlossen werden. Denkbar ist indes auch „eine postmortale Perforation durch einen Holzzweig während des Treibens im Wasser“.

Die Untersuchungen der Lungen ergeben eine eher geringe Lungenblähung, und es sind keine Erstickungsblutungen unter dem Lungenfell zu finden. Nach Einschätzung des Gutachters sind diese Symptome für einen Ertrinkungstod eher untypisch, jedenfalls kann nicht von einer andernfalls zu erwartenden „Wasserlunge“ gesprochen werden. Demnach besteht die Möglichkeit, dass Johanna Brauer bereits tot war, bevor sie ins Wasser kam.

Zusammengefasst: Eine eindeutige Todesursache ist derzeit nicht feststellbar, Hinweise darauf, die Frau könnte getötet worden sein, sind nicht belegbar. Also eher ein Unfall? Oder nahm Johanna Brauer sich das Leben? Um der Sache aus rechtsmedizinischer Sicht auf den Grund zu gehen, werden weitere feingewebliche Untersuchungen angeregt.

Am folgenden Tag findet im Präsidium eine Pressekonferenz statt, um die Bevölkerung über den Stand der Ermittlungen zu informieren und mögliche Zeugen zu animieren, sich mit der Kripo in Verbindung zu setzen. Wer hat Johanna Brauer wann letztmals lebend gesehen? Wer kann Hinweise zum Verschwinden der Frau geben?

Nacheinander melden sich bei der Kripo als Zeugen Markus Breitinger, Joachim Polanski, der Tankstellenpächter, Hedwig Vogel und das Ehepaar Kretschmann. Ihre Aussagen nähren den Verdacht, Johanna Brauer könnte am Tag ihres Verschwindens mit einem Mann unterwegs gewesen und intim geworden sein. Unfreiwillig?

Die von den Zeugen genannten Örtlichkeiten werden von Polizeibeamten abgesucht. Und die finden im niedergedrückten Gras nahe der Tankstelle einen Büstenhalter und einen Ohrring. Beide Gegenstände werden Johanna Brauers Eltern vorgelegt, die sie als Eigentum ihrer Tochter wiedererkennen. Aufgrund der eher ungewöhnlichen Gesamtumstände: frühmorgendlicher Sexualverkehr bei Nieselregen und Kälte auf einer Wiese mit einem Mann, dessen Beschreibung auf niemanden passt, den die Frau näher gekannt hat, vermuten die Ermittler, Johanna Brauer könnte vergewaltigt worden sein. Allerdings widerspricht diese Annahme den Beobachtungen sämtlicher Zeugen, die einen ganz anderen Eindruck von diesem Geschehen gewonnen haben: Gewalt soll von dem Mann allem Anschein nach jedenfalls nicht ausgeübt worden sein.

Die Fahnder überlegen, wie Johanna Brauer in diese mysteriöse Geschichte hineingeraten ist? Lassen sich aufgrund ihrer Persönlichkeit, des sozialen Umfelds und der näheren Lebensumstände Rückschlüsse ziehen? Sind ihr sexuelle Ausschweifungen an ungewöhnlichen Orten zuzutrauen? Hatte sie häufig wechselnde Sexualpartner? Galt sie als selbstmordgefährdet?

Bei den Ermittlungen kommt heraus, dass Johanna Brauer ein eher unstetes Leben führte, ihre Lebenssituation soll ausgesprochen problematisch gewesen sein. Vor dreieinhalb Jahren hat sie während eines Ferienaufenthalts in Südfrankreich einer Freundin gegenüber davon gesprochen, sich das Leben nehmen zu wollen. Über den Grund hat sie sich jedoch beharrlich ausgeschwiegen. Möglicherweise hatte diese Ankündigung mit der innerfamiliären Situation zu tun, die zu dieser Zeit sehr angespannt gewesen sein soll. Die Eltern standen kurz vor der Scheidung.

Johanna Brauer hatte bis zu ihrem Tod durchgehend erhebliche schulische und berufliche Probleme. Ihre Lehre als Dekorateurin brach sie vor drei Monaten ab. Seitdem war sie arbeitslos und bewarb sich nur sporadisch um eine neue Lehrstelle. Ihre Berufsaussichten waren auch wegen ihres dürftigen Schulabschlusses eher ungünstig.

Die Beziehung zu ihrem drei Jahre älteren Freund Christian Manteuffel indes soll harmonisch gewesen sein, gleichwohl sei man nicht intim geworden, berichtet er sichtlich deprimiert der Kripo. Der 23-jährige Stuckateur gibt weiter zu Protokoll, Johanna sei einerseits zurückhaltend und schüchtern gewesen, andererseits durchaus unternehmungslustig und neugierig, jemand, dem er unbedingt hätte vertrauen können. Vor dem Verschwinden seiner Freundin habe es mit ihr keinen Streit gegeben. Sie sei auch nicht verstimmt gewesen oder habe sich Sorgen gemacht.

Christian Manteuffel kann als Johanna Brauers letzter Begleiter ausgeschlossen werden, weil er ein nicht zu erschütterndes Alibi hat und auch nicht der von den Zeugen gegebenen Beschreibung entspricht. Die Ermittler stehen vor einem Rätsel: Warum hat Johanna Brauer, sollte sie vergewaltigt worden sein, nicht bei sich mehrfach bietender Gelegenheit energisch auf ihre prekäre Lage aufmerksam gemacht oder versucht zu flüchten? Warum hat sie, sollte ein Selbstmord vorliegen, sich vorher ihrer Kleidung entledigt, die mittlerweile flussaufwärts gefunden worden ist? Wie ist es zu erklären, sollte eine Vergewaltigung stattgefunden haben, dass sämtliche Zeugen das Geschehen als harmonisch, friedlich, einträchtig und gewaltfrei einschätzen? Warum hat Johanna Brauer, sollte der Geschlechtsverkehr einvernehmlich erfolgt sein, diese doch sehr ungewöhnlichen Rahmenbedingungen gewählt bzw. toleriert?

Um diese Fragen zu beantworten, wird schließlich ein Kriminalpsychologe zu Rate gezogen. Der Experte für die Beurteilung menschlichen Verhaltens kommt nach dem Studium der Akten, einer Besichtigung der relevanten Örtlichkeiten und einer Besprechung mit den Ermittlern zu folgender Einschätzung: Johanna Brauer dürfte ihr Intimleben von ihrer sonstigen sozialen Existenz abgespalten haben. Wegen ihrer starken Hemmungen sei sie nach außen sehr zurückhaltend gewesen, auch in sexuellen Dingen. Gefühle habe sie vornehmlich nach innen ausgelebt.

Gleichzeitig habe die junge Frau starke Triebansprüche gehabt. Für diese Annahme würden Kontakte zu jungen Ausländern aus einem Übergangswohnheim sprechen, die Johanna Brauer nachweislich gehabt habe, und von ihr mehrfach annoncierte Kontaktanzeigen in Zeitschriften. Auch die Tatsache, dass sie sich Verhütungsmittel habe verschreiben lassen, könnte für bisher unbekannt gebliebene sexuelle Abenteuer sprechen. Es sei durchaus denkbar, dass Johanna Brauer zielgerichtet flüchtige Sexualkontakte gesucht und auch gefunden habe.

Ihr letzter Begleiter soll nach Einschätzung des Psychologen ein hemmungsloser und eindeutiger Typus sein, der sein Sexualverhalten zur Schau trägt. Johanna Brauer sei es in dieser Beziehung allein um sexuelle Dinge gegangen, die Persönlichkeit des Mannes hingegen habe sie gleichgültig gelassen. Diese Verbindung dürfte bereits über einen längeren Zeitraum bestanden haben. Deshalb sei Johanna Brauer auch mit einem ungewöhnlichen Ort einverstanden gewesen, um dort intim zu werden. Möglicherweise habe der Mann dabei exhibitionistische Neigungen ausgelebt. Also keine Vergewaltigung? Kein Verdeckungsmord?

Mittlerweile liegen die Ergebnisse der weiteren rechtsmedizinischen Analysen vor. Nach einer feingeweblichen Untersuchung der Lunge steht fest: Johanna Brauers Lungen wurden vor Eintritt in das Wasser durch Einatmen entgegen der ersten Annahme stark gebläht, ohne dass die Luft wieder ausgeatmet werden konnte. Möglicherweise wurde diese Reaktion durch einen Schock nach Eintritt in das kalte Wasser ausgelöst. Demnach dürfte Johanna Brauer ertrunken sein. Ungewiss bleibt immer noch, unter welchen Umständen.

Die Ermittlungen werden fortgeführt, fieberhaft wird nach dem mysteriösen Mann gefahndet. Doch trotz aller Bemühungen der Kripo bleibt der Unbekannte ein Phantom.

Auch drei Monate später ist das Ermittlungsergebnis geprägt von Unwägbarkeiten: Ob Johanna Brauer ertrunken ist oder ertränkt wurde, ist nicht zweifelsfrei zu beweisen. Es erscheint den Ermittlungsbehörden nach Würdigung aller Umstände auch keineswegs ausgeschlossen, dass die junge Frau nach den frühmorgendlichen Intimitäten – allein oder in Begleitung – ohne Selbsttötungsabsichten zum Fluss gelaufen sein, dabei infolge von Unterkühlung bzw. Erschöpfung einen Kreislaufkollaps erlitten haben, unter Wasser geraten und ertrunken sein könnte. Als die Fahnder schließlich keine erfolgversprechenden Ermittlungsansätze mehr sehen, verfügt die Staatsanwaltschaft die Einstellung des Verfahrens, vorläufig zumindest. Johanna Brauers Tod bleibt ein Rätsel. Und besonders ihre Eltern quält diese bleierne Ungewissheit.

Zweieinhalb Jahre später

Samstagabend. 80 Kilometer entfernt von jenem Ort, an dem Johanna Brauer zu Tode kam.

Ein Mann sitzt in seiner Wohnung und starrt aus dem Fenster. Draußen ist es bereits dunkel. Eine junge Frau nähert sich dem Haus. Es ist Jutta Klöppel. Die 22-jährige Floristin will sich ihr Fahrrad holen, das sie am Abend zuvor an einen Laternenmast gekettet hat. Sie wurde kurz darauf von einem Freund nach dem gemeinsamen Besuch einer Geburtstagsparty nach Hause gefahren.

Der Mann beobachtet Jutta Klöppel sehr genau, als sie nur wenige Meter von ihm entfernt das Sicherungsschloss öffnet, sich aufs Rad setzt und losfährt. Er kennt die hübsche Frau flüchtig, vom Sehen. Schnell steht sein Entschluss fest – hinterher! Der Mann schnappt sich ein Küchenmesser, Kabelbinder, streift sich hastig eine Jacke über, holt sein Rad aus dem Keller und fährt der Frau nach. Er holt rasch auf und folgt ihr in den nächsten Minuten mit einem Abstand von etwa 30 Metern. Der Mann weiß, dass er vorsichtig sein muss. Und geduldig.

Als Jutta Klöppel sich nach zweieinhalb Kilometern Fahrt einem Waldgebiet nähert, sieht der Mann seine Chance gekommen. Er holt die Frau ein, schubst sie vom Rad, baut sich vor ihr auf, droht mit dem Küchenmesser. „Schnauze!“, brüllt er. Dann zerrt er Jutta Klöppel in den Wald und fesselt ihr die Hände. Die junge Frau leistet keinen Widerstand; auch nicht, als der Mann sie entkleidet und betatscht. Einige Minuten geht das so. Dann überlegt der Mann. Eine bestimmte Phantasie kommt ihm in den Sinn, die sich hier aber keinesfalls verwirklichen lässt. Er muss umdenken.

Es ist jetzt 23.15 Uhr. Die Fahrräder stellt der Mann an einem Baum ab. Zu Fuß geht es zurück. Eine halbe Stunde später erreichen sie das Ziel. Niemand bemerkt, wie er mit der Frau in seiner Wohnung verschwindet. Jutta Klöppel ist jetzt seine Sklavin. Er hat sich oft in grellen Farben ausgemalt, wie das wohl wäre. Jetzt ist es endlich so weit. Er kann über die Frau verfügen, sich ihrer bemächtigen.

In den nächsten Stunden wird Jutta Klöppel mehrfach geschändet und geschlagen. Später wird im Protokoll zu lesen sein, dass sie nicht aufbegehrt, nicht schreit, nur leise wimmert. Der Mann spricht überwiegend im Befehlston, herrscht sie an, sein durchdringender Blick ist furchteinflößend, vor allem dann, wenn er sich aufregt oder erregt ist. „Auf die Knie!“, „Beine breit!“, „Mach dich sauber!“.

Die Nacht ist kurz. Der Mann ruft gegen 7 Uhr in der Firma an und bittet um einen freien Tag. Kein Problem, es wird genehmigt. Jutta Klöppel ist noch nicht aufgewacht. Er legt sich wieder neben sein Opfer ins Bett und schläft erneut ein.

Gegen 11 Uhr stehen beide auf, der Mann kocht Kaffee und frühstückt, alleine. Jutta Klöppel hingegen trinkt nichts und verspürt auch keinen Appetit. Ihr Körper ist gezeichnet von den Folgen brutaler Gewalt: Schleimhauteinrisse, Schürfwunden, Gewebeeinblutungen, Prellungen, Blutergüsse, Kratzspuren. Während er in der Folgezeit stundenlang fernsieht, bleibt Jutta Klöppel im Bett regungslos und verängstigt liegen. Es ist etwa 17 Uhr, als der Mann einen dramatischen Entschluss fasst. Er zwingt sie, mehrere Gläser mit reichlich Wodka und wenig Himbeersirup zu trinken. Danach schnauzt er sie an: „Los, duschen!“ Jutta Klöppel gehorcht ihm. Eine halbe Stunde später verlassen beide die Wohnung, er verschleppt sie in ein nahe gelegenes Waldgebiet.

Nachdem der Mann sein Opfer im Wald zurückgelassen hat, geht er spazieren. Als es zu dämmern beginnt, schaut er bei seinem Vater vorbei, den er seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen hat. Man sitzt zusammen, trinkt Bier und redet – Smalltalk.

Doch dann, zur vorgerückten Stunde, tut der Sohn etwas sehr Ungewöhnliches: Er beichtet. Mit tonloser Stimme erzählt er von seinem Verbrechen. Auch von seinem Motiv. Der Vater ist fassungslos, entsetzt und vermutet einen besonders makabren Scherz. Der Sohn lässt sich aber nicht darauf ein und zeigt ein silbernes Teppichmesser vor, mit dem er die Frau getötet haben will. Dem Vater wird es zu viel. Wort- und grußlos geht man auseinander. Erst als die Medien Tage später über das Verbrechen berichten, realisiert der Vater, dass sein Sohn ein Mörder ist. Trotzdem schweigt er.

Wie es weitergeht kannst du im Buch "Aus reiner Mordlust: Der Serienmordexperte über Thrill-Killer" von Stephan Harbort nachlesen.