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13.11.2017 Wie wird am Tatort der Todeszeitpunkt eines Opfers bestimmt? Hinweis: Meistens hat es mit Maden zu tun

Als Whitney Houstons Leiche am Nachmittag des 11. Februar 2012 im Beverly Hilton Hotel gefunden wurde, war sie erst kurz zuvor verstorben. Für den Gerichtsmediziner sollte es also einfach gewesen sein ihren Todeszeitpunkt zu bestimmen.

Wenn sie nur nicht in einer Badewanne untergetaucht wäre, denn das hat alles verkompliziert.

Wenn Ermittler auf einen frischen Leichnam stoßen, ist einer ihrer wichtigsten Jobs beim Eintreffen am Tatort, das Zeitfenster des Todeszeitpunkts so weit wie möglich einzugrenzen. Dann können sich die Detektive das Verbrechen richtig ansehen: Sie können einen Querverweis zu Zeugenaussagen und Alibis machen und sich so auf Verdächtige fokussieren.

Aber die Festsetzung des Todeszeitpunkts ist leichter gesagt als getan.

 

Fallen der Körpertemperatur

Laut Lawrence Kobilinsky, einem Forensiker und Professor an dem John Jay College of Criminal Justice, kann der Todeszeitpunkt eines frischen Leichnams am besten durch die Messung der Körpertemperatur bestimmt werden.

„Es ist nicht linear“, warnt Kobilinsky. Aber dennoch, so fügt er hinzu, „nutzen die meisten Untersucher eine Formel, um eine ungefähre Spanne zu haben.“

Für diese Formel funktioniert es am besten, wenn die Temperatur einer frisch entdeckten Leiche rektal gemessen wird. In den ersten Stunden, nachdem das Herz aufgehört hat zu schlagen, fällt die Körperkerntemperatur auf die Umgebungstemperatur (zum Beispiel auf die Zimmertemperatur). Die Formel rechnet grob, dass der Körper pro Stunde 0,5-1,5 Grad Celsius verliert, so dass die rektale Temperatur von der normalen Körpertemperatur von 36,5 Grad Celsius abgezogen wird. Die Differenz zwischen den beiden Temperaturen wird durch 1,5 geteilt und diese finale Zahl wird genutzt, um sich der Zeit zu nähern, die seit dem Tod vergangen ist.

Natürlich funktioniert diese einfache Formel nur, wenn einige Faktoren als konstant angenommen werden: dass sich die Umgebungstemperatur seit dem Tod nicht verändert hat... oder dass das Opfer angezogen entdeckt wurde und sich an der Luft befand anstelle von – zum Beispiel – einer Badewanne voller Wasser. Aber laut Nathan Lents, einem forensischen Biologen und Kollegen von Kobilinsky am John Jay, sind die Dinge selten so einfach.

Er sagt, dass es selten ist, dass eine Leiche irgendwo liegt, wo den ganzen Tag und die ganze Nacht 22 Grad Celsius herrschen.

In einer klimaregulierten Umgebung dauert es sechs bis sieben Stunden, bis eine Leiche die Umgebungstemperatur erreicht hat. Weitere biologische Beweise, die in Verbindung mit der Körperkerntemperatur genommen werden, helfen dabei, sich ein genaueres Bild zu machen.

 

Das Blut beginnt sich zu sammeln

Einer dieser Faktoren sind die Totenflecken. Wenn das Herz aufgehört hat zu schlagen, hört das Blut auf zu zirkulieren und fügt sich stattdessen der Schwerkraft: Es sammelt sich an der Unterseite des Leichnams. Dies führt zu einer marmorierten Verfärbung des Körpers. Die Totenflecken treten meist 20 bis 30 Minuten, nachdem das Herz zu schlagen aufgehört hat, auf. Aber die Totenflecken gehen durch mehrere Stadien. Zwischen ungefähr 30 Minuten und einer Stunde nach dem Tod „erbleicht“ die Haut und wird weiß, wenn man auf sie drückt. An der Stelle, an der man drückt, verschwindet das Blut. Danach, wenn die Totenflecken ganz eingesetzt haben, endet das Erbleichen.

Die Totenflecken helfen den Ermittlern nicht nur bei der Bestimmung des Todeszeitpunkts, sondern sie können ihnen auch zeigen, ob die Leiche bewegt wurde. Das kann man daran erkennen, dass die Totenflecken nicht mit der Position, in der sich die Leiche befindet, übereinstimmen.

 

Leichenstarre

Ungefähr drei bis sechs Stunden nach dem Tod setzt die Leichenstarre ein. Die Muskeln werden starr, angefangen bei den kleinen Muskeln am Kopf, den Augenlidern und dem Kiefer. Danach geht die Starre weiter in Richtung Fingerspitzen, Hals und dann zu den größeren Muskeln. Die Leichenstarre setzt 18 bis 36 Stunden vor der Zersetzung ein.

Wenn Totenflecken, Totenstarre und Umgebungstemperatur vorhanden sind, wird es schwieriger, das genaue Zeitfenster zu bestimmen.

 

Verräterische Insekten

„Ab zehn bis 50 Stunden nach dem Tod sind es nur noch wilde Vermutungen“, sagt Lents. Deswegen sind forensische Insektologen sehr wichtig. Sie untersuchen die Insekten, welche die Verwesung begleiten. Nach den ersten Stunden fangen die Leichen an, unterschiedlich schnell zu verfallen. Der Grad der Fäulnis hängt von einer Unzahl von Faktoren ab, darunter die frühere Gesundheit des Opfers.

Forensische Insektologen sehen nach, welche Kreaturen sich schon von dem toten Körper ernähren und wie lange schon. Wenn sie den Zeitpunkt, an dem die Insektenbesiedlung aufgetreten ist, bestimmen können, hilft das, Rückschlüsse auf den Todeszeitpunkt zu ziehen.

Welches sind die Insekten, die als erstes von einer Leiche angezogen werden? Schmeißfliegen, sagt Lauren Weidner, eine forensische Insektologin und Dozentin an der Purdue University. Wenn sie leicht an den Leichnam kommen (die Leiche sich also zum Beispiel draußen oder in einem Zimmer mit offenem Fenster befindet, bei angenehmen Wetter, während des Tages), dann, so Weidner, „können Insekten innerhalb von Minuten kommen und den Leichnam innerhalb von einer Stunde besiedeln.“ Die Schmeißfliegen legen winzige Eier in Bündeln, normalerweise in Öffnungen oder in eine Wunde. Nach 15 bis 26 Stunden schlüpfen aus den Eiern kleine Maden, die sich tagelang dort ernähren.

Am vierten Tag ziehen die Maden sich in Kokon-ähnliche Puppen zurück, an trockene Stellen in Entfernung von der Leiche, die immer noch nass ist und deswegen andere Insekten anzieht, die Jagd auf die verletzlichen Puppen machen. Aus den Puppen kommt der nächste Zyklus an Schmeißfliegen. Indem gemessen wird, in welchem Lebenszyklus (also in welchem ungefähren Alter einer sich ernährenden Made) sich die Schmeißfliegen befinden, können forensische Insektologen rückwärts die Mindestzeit seit der Besiedlung – und somit dem Tod -  bestimmen.

Das Aufblähen der Leiche

Sobald das Stadium des Aufblähens erreicht ist, wechseln die Kreaturen, die sich von dem Leichnam ernähren, erneut.

„An warmen Sommertagen würde das innerhalb von vier bis fünf Tagen passieren“, sagt Lents. „Ab da wird die Fehlerspanne in Tagen gemessen – sogar in mehreren Tagen.“  Der Leichnam bläht sich auf, weil ein Nebenprodukt der bakteriellen Aktivität in den Organen zu einer Anhäufung von Gasen führt. Lents erforscht, wie das Messen der Hautbakterien den Ermittlern helfen kann, noch Wochen nach dem Tod ein engeres Zeitfenster zu erhalten. Andere haben sich auf die Bakterien im Dünndarm spezialisiert.

„Ich habe Bakterien genutzt, um ein Zweitages-Fenster zu erhalten, nach beinahe sechs Wochen“, sagt er. „Zu dem Zeitpunkt ist der Verwesungszustand schon weit fortgeschritten.“ Bisher ist die Erforschung der Bakterien, die mit der Aufblähung zu tun haben, noch nicht weit genug, um bei Ermittlungen genutzt zu werden, aber Lents ist optimistisch, dass sich das bald ändern wird.

Wenn der Leichnam erst einmal das Stadium der Aufblähung erreicht hat, beginnt die Abfolge der Insekten Hinweise zu geben. Beginnt das Aufblähen, verlassen die Schmeißfliegen den Leichnam und Hausfliegen fangen mit der Besiedlung an. Speckkäfer  werden noch später zu der Leiche kommen, und zwar sobald sie angefangen hat auszutrocknen.

Zu dem Zeitpunkt ist der Körper schon seit Wochen tot.

„Manchmal nutzen Museen diese Käfer, um Knochen zu reinigen“, erklärt Weidner. Trotzdem können forensische Insektologen noch von Nutzen sein, selbst wenn der Leichnam trockengepickt wurde. Das liegt daran, dass unterschiedliche Insekten in unterschiedlichen geographischen Gegenden präsent sind, abhängig von der Jahreszeit. Ermittler können Informationen sammeln, indem sie sich die Leichen der Fliegen ansehen: Wenn die Fliegen, die ernährt, verpuppt und geschlüpft sind, sich nur im Sommer in dieser Gegend aufhalten, ist anzunehmen, dass das Opfer im Sommer verstarb.“

„Wenn Insekten da waren“, sagt Weidner, „dann können Insektologen relevant sein.“

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